Festschrift Mauser: Pressespiegel

Die Festschrift für den verurteilten Straftäter Siegfried Mauser wird im Moment inner- und außerhalb der Musikwissenschaft heftig diskutiert. Ich will mich an dieser Stelle – obwohl ich zu den Vorgängen eine sehr kritische Meinung vertrete – zunächst nicht inhaltlich äußern, sondern erst einmal die bisherigen öffentlichen Reaktionen sammeln. Für Hinweise zu weiteren Artikeln bin ich natürlich sehr dankbar.

Öffentliche Äußerungen der Herausgeber und der Herausgeberin

Interview mit Dieter Borchmeyer im Bayerischen Rundfunk (Christoph Leibold) vom 8. November [Link]

Interview mit Dieter Borchmeyer im Bayerischen Rundfunk (Bernhard Neuhoff) vom 8. November [Link]

Interview mit Susanne Popp für ONetz vom 11. November [Link]

Artikel und Kommentare in Printmedien & Hörfunk

Diverse Kommentare und Artikel von Alexander Strauch auf dem ‚BadBlog‘ der Neuen Musikzeitung [Link]

Kommentar von Bernhard Neuhoff vom 16. Oktober im Bayerischen Rundfunk zum Urteil des BGH [Link]

Artikel von Christine Lemke-Matwey vom 23. Oktober für die Zeit (Bezahlangebot) [Link]

Kommentar von Rainer Pöllmann im Deutschlandfunk vom 29. Oktober [Link]

Artikel von Elisabeth Saller für ONetz vom 11. November [Link]

Kommentar von Martin Hufner im Newsletter der Neuen Musikzeitung vom 12. November [Link]

Kommentar von Kia Vahland in der Süddeutschen Zeitung vom 13. November [Link]

Stellungnahme der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vom 14. November [Link]

Artikel von Sabine Reithmaier in der Süddeutschen Zeitung vom 15. November [Link]

Artikel im Straubinger Tagblatt vom 15. November (Bezahlangebot) [Link]

Kommentar von Patrick Bahners in der FAZ vom 16. November [Link]

Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 18. November zu einer Erklärung Helmut Lachenmanns und der Herausgeber*innen [Link]

Kommentar von Juanna Zimmermann auf dem Blog Musik – mit allem und viel scharf vom 19. November [Link]

Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 22. November zur Reaktion der Schriftstellerin Birgit Müller-Wieland [Link]

Artikel von Carolina Schwarz in der TAZ vom 26. November [Link]

Festschrift Mauser: Pressespiegel

Wie (un-)politisch ist Musikwissenschaft?

Der folgende Text basiert auf einem Impulsreferat, das ich im März 2019 anlässlich eines gleichnamigen Workshops der FG-Nachwuchsperspektiven an der Humboldt-Universität in Berlin hielt.

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Wie (un-)politisch ist Musikwissenschaft?

Ausgangspunkt für meine Initiative zu unserem Projekt war die Kurznachricht einer engen Freundin. Sie wies mich auf einen Artikel über Prof. Dr. Hans Neuhoff hin, seines Zeichens Professor für Musikethnologie an der HfMT in Köln und damals frisch gebackenes AfD-Mitglied. Meine erste Reaktion war Entsetzen: Wie kann ein Professor für Musikwissenschaft, noch dazu ein Musikethnologe und Spezialist für Musik in Afrika, Teil jener rechtsextremen Partei sein? In der Rückschau bin ich über meine eigene Naivität überrascht, denn die AfD wurde schließlich als Professorenpartei gegründet. Warum sollte ausgerechnet die Musikwissenschaft frei von rechten Tendenzen sein? Bis zu einem gewissen Grad hatten wir uns damit sogar schon abgefunden. Es dürfte die Wenigsten überraschen, dass Klaus Miehling, der Autor der berühmt berüchtigten Bücher zur „Gewaltmusik“, nicht nur Autor von flüchtlingsfeindlichen Artikeln, sondern auch Mitunterzeichner der migrationskritischen Erklärung 2018 ist. Mein Entsetzen verschwand, das ungute Gefühl blieb.

In den Feuilletons der Republik wird schon seit längerem über die Rolle der Wissenschaft in den aktuellen gesellschaftlichen Debatten geschrieben. Die Rede vom „Tod des Intellektuellen“ oder von der „Krise der Klugen“ führt uns plastisch vor Augen, wie Geisteswissenschaftler*innen von Außen wahrgenommen werden. Freilich zielt diese Kritik erst einmal nicht auf Musik- oder Kunstwissenschaftler, sondern auf die Vertreterinnen und Vertreter der großen Disziplinen – auf die Geschichte, Soziologie, oder die Sprachwissenschaften. Auch die Innenansicht ist wenig schmeichelhaft: Wenn etwa Hans Ulrich Gumbrecht über das „Geräuschlose Verschwinden der Intellektuellen“ rätselt, oder Armin Nassehi seine Kolleginnen und Kollegen in der Soziologie dazu aufruft „Seid wieder Spielverderber“, dann zeugt das zumindest von Problembewusstsein innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Der Historikertag, der 2018 in Münster stattfand, bemühte sich darum, klare politische Kante zu zeigen. In der Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie nimmt der Interessensverband der deutschen HistorikerInnen entschieden Stellung zu verschiedenen politischen Themenkomplexen. Aufgrund der (Zitat) „maßlosen Angriffe auf die demokratischen Institutionen“ sieht man „die Grundlagen der politischen Ordnung“ gefährdet. Gefordert wird nicht nur eine historisch sensible und nichtdiskriminierende Sprache sowie ein Einstehen gegen Populismus, sondern es erfolgt auch eine explizit proeuropäische und migrationsfreundliche Positionierung. Die Resolution wurde einhellig als Frontalangriff auf die AfD aufgefasst und sorgte für heftige Auseinandersetzungen. Aus meiner Sicht ist die Resolution des Historikertags für ähnliche Diskussionen im Fach Musikwissenschaft ein absoluter Glücksfall – nicht etwa, weil sie für besonders gelungen halte. Ich glaube vielmehr, dass die Diskussion, die sich im Nachgang am Papier entzündet hat, sehr instruktiv ist, wenn es darum geht, zu beurteilen, wie die Stimmungslage an Universitäten und in Wissenschafts­redaktionen gerade gelagert ist. In der Debatte zeichnen sich Bruchlinien ab, die auch in der Musikwissenschaft einschlägig sein dürften.

Musikwissenschaft ist eine enorm vielfältige Disziplin. So gibt es in den Subdisziplinen, aber auch in den verschiedenen regionalen Musikwissenschaftskulturen stark unterschiedliche Politisierungs­grade. Gerade im angelsächsischen Raum, in dem der sogenannte „cultural turn“ schon früh vollzogen wurde, dürfte eine vergleichsweise politische Fachkultur durch den politischen Rechtsruck und den Brexit noch einmal dynamisiert worden sein. Immer wieder äußern sich Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler gerade in den Vereinigten Staaten auf Blogs, Twitter, Facebook, aber auch in traditionellen Publikationsformaten zu tagespolitischen Themen. Das gilt umso mehr, wenn Sie in den Bereichen Musikethnologie, Popmusikforschung oder in der Zeitgenössischen Musik tätig sind. Bereits 1993 prägte der Musikethnologe Philip Bohlmann im Journal of Musicology die Rede über „Musicology as politcial act“. Bezüglich des Bewusstseins des eigenen Politischseins scheint in der Musikethnologie weitgehend Einigkeit zu bestehen. Dies gilt sogar auf institutioneller Ebene: Die Society for Ethnomusicology nimmt in Positionspapieren regelmäßig kritisch Stellung zu aktuellen allgemeinpolitischen Themen, etwa zur vergangenen Präsidentschaftswahl in den USA.

Forschungsströmungen wie die Post-Colonial-Studies oder die Genderforschung haben aber nicht nur die Musikethnologie fest im Griff, sondern wirken – insbesondere im englischsprachigen Ausland – auch in die historische und systematische Musikwissenschaft hinein. Und trotzdem würde ich als (sicherlich überspitzte) Hypothese in den Raum stellen, dass es eine strukturelle Teilung des Fachs Musikwissenschaft gibt: Auf der einen Seite steht die Partei der Musikhistoriker*innen, die tendenziell dem Neutralitäts- und Objektivitätspostulat das Wort reden, und auf der anderen Seite stehen die Musikforscher*innen, die sich mit der Musik der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit beschäftigen, ihr eigenes Politischsein explizit Bejahen und es als zentrales Element ihres Forschens sehen.

Die Kernfrage der Diskussion um die politische Dimension unserer Disziplin ist aber die nach dem Gegenstand. Dass Musik politische Praxis ist und war, ist eine Binsenweisheit. Beim genaueren Hinsehen wird aber klar, dass es durchaus auch Bereiche gibt, in denen der Musik das Politischsein im engeren Sinn abgesprochen wird, und dass Konzepte wie das l’art pour l’art auch heute noch eine bemerkenswerte Wirkmächtigkeit entfalten. Musikwissenschaft beschäftigt sich in den Augen Vieler – anders als die Geschichtswissenschaften oder die Politikwissenschaft – „nur“ mittelbar mit Politik. Gerade im Bereich der historischen Musikwissenschaft, die im deutschsprachigen Raum stark von werk-, kompositions- und gattungsgeschichtlichen Paradigmen geprägt ist, schein der Weg zum Politischen oft sehr weit. Ist die Edition einer Musikhandschrift aus dem 15. Jahrhundert tatsächlich unpolitisch? Damit sind wir bei einer Debatte angelangt, der gerade im Bereich der Philologie erbittert geführt wird und zu der sich Laurenz Lütteken aus musikwissenschaftlicher Perspektive kürzlich äußerte.

Das Problem wir schnell konkret, wenn es um das Einwerben von Forschungsgeldern geht. Um die Dichotomie von historischer Musikwissenschaft und Musikethnologie noch einmal aufzugreifen: Hat ein Projektantrag im Feld Musikethnologie Erfolgschancen, wenn er explizit unpolitisch formuliert ist oder sogar ausdrücklich dem politischen Common Sense in der Disziplin widerspricht? Und anders herum: Welche Widerstände erwarten historische Musikwissenschaftler*innen, wenn Sie ihre Anträge zu sehr politisch formulieren?

Wie wünsche ich mir das Fach Musikwissenschaft in zehn Jahren? Was sind die Gefahren einer politisierten Wissenschaft? Auch in demokratischen Systemen haben bestimmte Spielarten einer politischen Wissenschaft eher dystopischen Charakter. Wie funktioniert in einem Wissenschaftssystem, das nicht nur von Debatten um die Lesart bestimmter Textstellen, sondern auch von weltanschaulichen Richtungsstreits geprägt wird, die Besetzung von Stellen? Werden Professuren dann vergeben wie Posten am Supreme Court in den Vereinigten Staaten oder nach dem kaum rühmlicheren politischen Proporzverfahren des Bundesverfassungsgerichts in Deutschland? Droht eine Wissenschaft, die sich zur Bühne für politische Debatten macht, ihre Unabhängigkeit zu verlieren?

Wie (un-)politisch ist Musikwissenschaft?

Material zum Vortrag am 14. Juni 2019

Hier finden Sie Material zu meinem Vortrag „Lofzangen – Herrscherlob zwischen Ephemeralität und Reproduzierbarkeit“, den ich am 14. Juni 2019 in Hannover im Rahmen der Konferenz Maximilian I. (1459-1519) und Musik. Reale Präsenz vs. virtuelle Kommunikation gehalten habe.

Handout mit Text von Summe laudis o Maria

Spartierung von Sub tuum praesidium

PDF der Lofzangen

Spartierung von Summe laudis o Maria

Material zum Vortrag am 14. Juni 2019

Musikwissenschaft und Öffentlichkeit

Am 27. September 2017 fand im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung (GfM) in Kassel eine Podiumsdiskussion zum Thema „Musikwissenschaft und Öffentlichkeit“ statt, die ich gemeinsam mit Ina Knoth (Universität Hamburg) und Sean Prieske (HU-Berlin) organisiert habe. Die DiskutantInnen waren Silke Leopold (Universität Heidelberg), Johannes Theurer (Radio Berlin-Brandenburg), Magdalene Melchers (freie Kulturjournalistin), Frank Kämpfer (Deutschlandfunk), Michael Schmidt (Bayerischer Rundfunk). Der Mitschnitt der Veranstaltung steht nun online.

Musikwissenschaft und Öffentlichkeit

Die Stimmbücher der Bayerischen Staatsbibliothek

Im März 2018 fand an der Bayerischen Staatsbibliothek in München eine kleine aber feine Tagung statt, die sich mit den handschriftlichen Stimmbüchern und Tabulaturhandschriften der Sammlung beschäftigte. Nähere Informationen zum Programm der Tagung finden Sie auf: https://www.etlichliedlein.de. Die Konferenz stellte den Schlusspunkt der umfangreichen Digitalisierungsprojekte an der BSB dar: Alle Münchner Musikalien des 16. Jahrhunderts sind nun in hochauflösenden Scans global und kostenfrei zugänglich.

Gemeinsam mit Bernhard Lutz, der die Digitalisierung in der Bibliothek wissenschaftlich betreute, leitete ich ein Seminar am Institut für Musikwissenschaft der Universität in München, das die Tagung begleitete. Im Rahmen dieser sehr produktiven und intensiven Lehrveranstaltung gestalteten die Studierenden einige Poster zu ausgewählten Handschriften, die ich der Öffentlichkeit nicht vorenthalten will.

Die Stimmbücher der Bayerischen Staatsbibliothek

Frische deutsche Liedlein

Letzte Woche konnte ich (endlich) die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg besuchen. Im Rahmen der Arbeit am Verzeichnis deutscher Musikfrühdrucke wollte ich unter anderem die dritte Auflage von Georg Forsters Frischen Deutschen Liedlein aus dem Jahr 1549 genauer unter die Lupe nehmen (vdm 1130). Laut RISM wird im Museum ein Tenorstimmbuch dieser Ausgabe aufbewahrt. Auf der Titelseite war erst einmal alles wie erwartet: Sie entsprach bis ins kleinste Detail dem, was meine Kollegen in der British Library in London transkribiert hatten (Hier der Link zum Londoner Digitalisat). Das Kolophon jedoch trug die Jahreszahl 1551 und auch die Widmungsvorrede war anders als das Londoner Exemplar datiert, und zwar auf das Jahr 1551.

Kurz zusammengefasst: Das Nürnberger Exemplar der Frischen Deutschen Liedlein gehört vermutlich zu einer bislang unbekannten Auflage der Publikation. Diese wurde bislang wohl deshalb nicht erfasst, weil die Drucker Berg & Neuber die Titelseite der Auflage von 1549 wiederverwendeten. Weitere Nachforschungen wären hier dringend erforderlich, insbesondere weil mir in der Bibliothek die Zeit fehlte, das Exemplar genauer mit den Digitalisaten aus London zu vergleichen.

 

Frische deutsche Liedlein

Konfessionalisierte Klangräume im Augsburg der Reformationszeit

Im Rahmen der Konferenz „Das musikalische Erbe der Reformation„, die am 15. und 16. Juni 2017 in Augsburg stattfindet, halte ich einen Vortrag mit dem Titel: „Konfessionalisierte Klangräume im Augsburg der Reformationszeit. In der Vorbereitung auf diesen Vortrag habe ich eine interaktive Karte erstellt, auf der ich wichtige Klangereignisse der Zeit zwischen 1517 und 1555 vermerkt habe. Eine Karte wie diese ist freilich nie abgeschlossen und ich freue mich sehr über Hinweise und Anmerkungen. Ich habe mich bemüht die Quelle im Originaltext abzubilden und stets die Fundstelle anzugeben.

Konfessionalisierte Klangräume im Augsburg der Reformationszeit

Open Access und institutionelle Zeitschriften

Die folgenden Gedanken sind die Zusammenfassung meiner Beiträge zu einer Diskussion der Sitzung der Fachgruppe Nachwuchsperspektiven der Gesellschaft für Musikforschung in Berlin am 21.02.2015.

Nicht wenige wissenschaftliche Interessensverbände und Vereine verfügen über ihr eigenes Publikationsorgan. Das gilt nicht nur für den wichtigsten musikwissenschaftlichen Verband, die Gesellschaft für Musikforschung, sondern auch für die Gesellschaft für Musiktheorie oder (man verzeihe mir meinen lokalen Fokus) die Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte und viele mehr. Die meisten solchen Zeitschriften teilen dabei eine Eigenschaft: Die Finanzierung der Beiträge, die in den einzelnen Heften erscheinen, übernimmt nicht etwa die herausgebende Institution, sondern es ist die öffentliche Hand, die die ökonomische Last trägt. Autoren sind in der Regel MitarbeiterInnen an Universitäten und öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen, die im Rahmen dieser Anstellung erarbeiteten Forschungsergebnisse unentgeltlich zur Veröffentlichung zur Verfügung stellen. Auch die HerausgeberInnen und MitarbeiterInnen können Ihre Aufgaben häufig nur durch die finanzielle Absicherung einer festen Stelle oder einer Projektfinanzierung bewältigen, die “vom Steuerzahler” und nicht von den Verbänden finanziert werden. Grundsätzlich sind diese Mechanismen nicht abzulehnen. Forschung gehört zu den Aufgaben von wissenschaftlichem Personal, und Publikationsmöglichkeiten mit hohen Qualitätsstandards werden dringend benötigt. Das Problem liegt in der Zugänglichkeit der Forschungsergebnisse. Zeitschriften wie etwa die Musikforschung werden in der Regel nur an die Mitglieder des Trägervereins ausgegeben, schließlich – so eine weit verbreitete Haltung – zahlen diese ja auch den Mitgliedsbeitrag. Dass der Anteil dieses Mitgliedsbeitrags an den Gesamtkosten der in den Artikeln enthaltenen Forschung verschwindend gering ist und – überspitzt formuliert – gerade einmal für den Druck und das Porto aufkommen kann, wird meiner Ansicht nach zu wenig bedacht. Hat die Öffentlichkeit nicht einen Anspruch auf den unmittelbaren und freien Zugang zu staatlich finanzierter Forschung? Insbesondere in einer Zeit, in der digitales Veröffentlichen in anderen Fächern bereits zur Normalität geworden ist, wird klar, dass auch musikwissenschaftliche Vereine und Verbände sich vor der Diskussion, ihre Zeitschriften open access – das heißt für jedermann zugänglich – erscheinen zu lassen, nicht mehr verstecken können. Für die Musikwissenschaft als akademische Disziplin bietet das digitale Publizieren nicht nur eine Chance, die eigene Sichtbarkeit im Kontext geisteswissenschaftlicher Fächer zu erhöhen, sondern auch die Möglichkeit, neue multimediale Publikationsformen zu erproben und zu entwickeln. Mit gutem Beispiel voran geht hier die bereits erwähnte Gesellschaft für Musiktheorie, deren Verbandsorgan sowohl open access als auch in gedruckter Form beim Olms Verlag erscheint.

Es ist dies freilich nur ein Teilproblem einer großen Diskussion um das Thema open access und um die Forderung nach freiem Zugang zu öffentlich finanzierter Forschung. Den großen Fachverbänden im Bereich der Musikwissenschaft/en kommt in diesem Bereich sicherlich eine große Verantwortung zu. Wer sonst könnte das Thema digitale Musikwissenschaft besser vorantreiben?

Nachtrag: Seit 2014 ist bekannt, dass zukünftig auch das wichtigste deutschsprachige Lexikon im Fach Musikwissenschaft MGG online erscheinen soll. Wie die beiden Print-Auflagen wird MGG-Online im Bärenreiter Verlag erscheinen. Open access wird hier allem Anschein nach keine Rolle spielen, obwohl dies aus meiner Sicht sehr wünschenswert wäre. Der Großteil der Forschung, die in diesem Lexikon zusammengefasst wird, wurde und wird öffentlich finanziert, und auch die AutorInnen der Artikel sind in den allermeisten Fällen Beschäftigte an öffentlichen Einrichtungen. Dass die freie Verfügbarkeit wissenschaftlicher Daten im Netz äußerst positive Auswirkungen haben kann, zeigt das Beispiel Deutsche Biographie. Das Portal erfreut sich größter Beliebtheit und hat eine ausgesprochen große Breitenwirksamkeit. Kaum ein Wikipedia-Artikel erscheint ohne einen Verweis auf den entsprechenden Artikel im wissenschaftlichen Angebot. Man könnte also fragen: Gäbe es ein besseres Mittel als ein frei zugängliches MGG, um Aufmerksamkeit für das kleine Fach Musikwissenschaft zu generieren?

Open Access und institutionelle Zeitschriften